intersex.schattenbericht.org

To content | To menu | To search

Monday 21 July 2008

3.2.1 Gonadenentnahme (Kastration)

Zu den bis heute empfohlenen und durchgeführten Praktiken gehört die Entnahme der Gonaden (Hoden, Eierstöcke oder Mischformen) bei intersexuellen Menschen. Trotz fehlender medizinischer Indikation werden bis zum heutigen Tag anstelle regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen auch gesunde Keimdrüsen entfernt, aus Angst, es könnte ein erhöhtes Krebsrisiko bestehen. Hierzu wird nur die Einwilligung der Eltern, nicht aber die der intersexuellen Kinder selbst eingeholt, obwohl diese Maßnahme das Recht auf eine eigene Sexualität, das Selbstbestimmungsrecht, die Geschlechtlichkeit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit und eine unbeschwerte Kindheit betreffen.

Eltern werden diese Maßnahmen von behandelnden Ärzten vorgeschlagen, eine Zustimmung der betroffenen Kinder wird nicht eingeholt. Ihre natürliche Entwicklung wird nicht abgewartet. Intersexuelle Menschen und deren Eltern werden in der Mehrzahl falsch oder gar nicht über die Folgen der Kastrationen und der wissenschaftlich ungesicherten Hormonersatztherapien aufgeklärt. Die Kastration sowie die damit unausweichlich verbundene paradoxe Hormonersatztherapie werden von vielen Betroffenen als ein Eingriff in die elementarsten Menschen- und Persönlichkeitsrechte empfunden. Sie stellen in Anbetracht der Irreversibilität und des ungewissen geschlechtlichen Ausgangs eine Zwangstranssexualisierung dar.

Die unaufgeklärte Kastration Minderjähriger und Erwachsener wie sie bis zum heutigen Tage in der Bundesrepublik Deutschland an intersexuellen Menschen praktiziert wird verstößt nach Ansicht der Berichterstatterinnen gegen das reproduktive Selbstbestimmungsrecht der Frau (Art. 16 (1) lit e CEDAW). Weiterhin verstößt es gegen die Menschenwürde (Art. 1 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) und das Recht auf Gesundheit (Art. 12 CESCR und Artikel 12 CEDAW) sowie gegen die Rechte auf gesundheitliche Aufklärung und gleichberechtigten Zugang zu Gesundheitsdiensten (Art. 10 lit. h und 12 (1) CEDAW), denn bei anderen Patientengruppen - z.B. Personen mit mutmaßlich erhöhter Krebsgefahr - ist nicht die Organentnahme, sondern die Empfehlung frühzeitigerer Vorsorgeuntersuchungen üblich. Diese Verstöße werden in der Bundesrepublik Deutschland bislang nicht verfolgt. Der staatliche Schutz wird den Frauen vorenthalten.

3.2.2 Genitalamputation

Der medizinische Betrieb behauptet soweit zu sein, dass eine vergrößerte Klitoris verkürzt werden kann, ohne die Sensitivität und damit die Libido zu zerstören. Bis etwa 1986 jedoch wurde eine als zu groß eingestufte Klitoris noch üblicherweise amputiert. Das ist eine Praxis, die an die Beschneidung von Frauen erinnert. Dieses lebenszerstörerische Prozedere wird nach wie vor an Kindern mit uneindeutigem Genital vollzogen, obwohl ihre Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist und niemand mit Bestimmtheit sagen kann, ob diese Entscheidung auch nur annähernd richtig ist. Darüber hinaus wird beispielsweise der mit der Klitoris- Amputation einhergehende Empfindungsverlust nicht im Rahmen einer Behinderung gesehen, wie dies jedoch beim Verlust der männlichen Eichel - sogar in Teilen - bewertet wird. Dies verstößt nach Ansicht der Berichterstatterinnen vor allem gegen die Menschenwürde und gegen die Gesundheitsrechte (Art. 12 CESCR und Artikel 12 CEDAW) sowie gegen die Rechte auf gesundheitliche Aufklärung und gleichberechtigten Zugang zu Gesundheitsdiensten (Art. 10 lit. h und 12 (1) CEDAW).

3.2.3 Wirksamer Rechtsschutz

Aus der Sicht der Betroffenen wird durch die Anwendung der Praktiken nach dem Money-Modell auch gegen die nachfolgenden Menschenrechte verstoßen:

  • Artikel 2 lit. c CEDAW verpflichtet zu einem wirksamen Rechtsschutz vor nationalen Gerichten gegenüber jeglicher Diskriminierung von Frauen. Damit ist es den Gerichten untersagt, einen medizinischen Standard über oder außerhalb des UN-Menschenrechtsschutzsystems zu stellen.
  • Artikel 14 (1) IPbpR (ICCPR) garantiert die Gleichheit jedes Menschen vor Gericht. Der Genuss dieses Menschenrechts darf auch für von einem medizinischen Standard betroffene Menschen nicht beeinträchtigt werden.

Eine Umsetzung dieser wichtigen Frauen- und Menschenrechte ist in Bezug auf intersexuelle Menschen in Deutschland nach Ansicht der Berichterstatterinnen nicht gegeben. Hinsichtlich vergangener wie auch heutiger medizinischer Praxis beklagen die Betroffenen weiterhin, folgende medizinischen Verfahrensweisen, die ebenfalls in dem Staatenbericht der Bundesregierung keine Erwähnung finden:

3.2.4 Behandlungsdokumentation


  • Nichtaufklärung/Falschaufklärung der Betroffenen und/oder ihrer Angehörigen
  • vorsätzliches „falsches Aufklären“ über diagnostische Erkenntnisse
  • unzureichendes diagnostisches Vorgehen, durch Unterlassen notwendiger Diagnoseverfahren
  • bei bereits erfolgten Eingriffen Vorenthalten von Patientenunterlagen, mit der Absicht, Menschen über ihre wahre Existenz im Unklaren zu lassen
  • Vorenthalten der Patienten-Unterlagen/Akten, um diese von rechtlichen Schritten abzuhalten
  • weder kurz- noch langfristige Qualitätskontrolle noch Aufzeichnung in einem Zentralregister dieser Eingriffe, wie z.B. bei Krebs.

3.2.5 Irreversible genitalchirurgische Eingriffe bei Unmündigen und Erwachsenen


  • Kastration ohne gesicherte Indikation
  • Kastration ohne Einwilligung
  • Kastration unter Vorgabe einer nicht zutreffenden Indikation
  • Kastration von Minderjährigen
  • Klitoris-/Penisamputationen sowie Klitoris- und Penis-Reduktionsplastiken ohne Einwilligung des mündigen Menschen
  • Anlage von Neovaginen und Penoiden bei Säuglingen, Kindern und Erwachsenen ohne Einwilligung
  • Gewaltsame Vergrößerung/ Weitung der künstlich angelegten Organe
  • Keine Fachärzteschaft, die eine Ausbildung für diese Eingriffe besitzt
  • Keine Qualitätskontrolle dieser Eingriffe
  • Keine Definition von Qualitätsmerkmalen

3.2.6 Off-Label-Use von Medikamenten


  • Anwendung paradoxer Geschlechts- Hormonersatztherapien (P-HET) ohne jeglichen evidenten Nachweis der Wirksamkeit oder der anderen Wirkungen (Nebenwirkungen)
  • Anwendung P-HET über den empfohlenen Zeitraum hinaus
  • Anwendung P-HET ohne Aufklärung der Nebenwirkungen
  • Anwendung P-HET ohne Verträglichkeitsprüfung
  • Anwendung P-HET ohne Prüfung der Kontraindikationen
  • Anwendung P-HET ohne Kenntnisse der chromosomal bedingten Wechselwirkungen mit möglichen anderen Medikamenten
  • Anwendung von Contrazeptiva als Geschlechtshormon- „Ersatztherapien“ ohne jeglichen evidenten Nachweis der Wirksamkeit oder der anderen Wirkungen (Nebenwirkungen)
  • Anwendung P-HET insbesondere bei Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen auf dem geschlechtlichen Niveau, alter Menschen, z.B. menopausaler oder postmenopausaler Frauen
  • Medikamentöse Beeinflussung des Körperwachstums z.B. durch Hypophysenhormone ohne jeglichen evidenten Nachweis der Wirksamkeit oder der anderen Wirkungen (Nebenwirkungen)
  • Anwendung hormoneller Medikamente zur Hinunter- Regulierung des Geschlechtsverhaltens, wie sie im Bereich der Sexualstraftäter angewandt werden
  • Anwendung persönlichkeitsverändernder Medikamente
  • Anwendung anderer Medikamente zur Veränderung der sekundären Geschlechtsmerkmale, wie z.B. Medikamente zur Behandlung des Herzens

3.2.7 Behandlungskonsequenzen im Handlungsspielraum der medizinischen Definition


  • Lebenslange Abhängigkeit aller anderen medizinischen Behandlung, insbesondere hinsichtlich der Hormonersatztherapien, an die personenstandsrechtlichen Eintragungen.
  • Im Falle der unzutreffenden Geschlechtszuweisung intersexueller Menschen medizinische Re-Definition der Betroffenen nun als Transsexuelle
  • Anlehnung der Behandlung „intersexueller Menschen“ an die Behandlung transsexueller Menschen.
  • Anwendung der auf dem TSG beruhenden Rechtsprechung hinsichtlich Renten-, Sozial-, Versicherungs-, etc. Recht auf intersexuelle Menschen
  • Weigerung der Erwachsenenmedizin, evidente Studien zur Wirksamkeit und zu den metabolischen Konsequenzen paradoxer Hormonersatz- und anderer ergänzender Therapien zu fertigen
  • Die Ablehnung der „Erwachsenmediziner“, sich an der Erneuerung der Behandlungspraktiken aktiv zu beteiligen und das Desinteresse der Erwachsenen-Medizin, sich an Studien mit pädiatrischer Zielrichtung zu beteiligen. Die wird sehr deutlich am Projekt Klinische Evaluationsstudie: Medizinische und chirurgische Behandlungsergebnisse, psychosexuelle Entwicklung und gesundheitsbezogene Lebensqualität bei Patienten mit Störungen der Geschlechtsentwicklung (Studienleitung: Prof. Dr. med. U. Thyen (Lübeck).

Die vorgenannten Fehlverhalten bei medizinischen Eingriffen hinsichtlich Intersexualität durch medizinisches Personal sind belegbar und auch durch bereits öffentlich erfolgte richterliche Rechtsprechung bewiesen.(16) Die von den Berichterstatterinnen beklagten Probleme sind auch der Bundesregierung bekannt und von Seite Betroffener nachweisbar mitgeteilt worden. Es irritiert daher die von der medizinischen und rechtlichen Behandlungspraxis betroffenen Menschen, dass die Bundesregierung nichts von dieser Praxis weiß.

Die Betroffenen beklagen, dass diese Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte, die Selbstbestimmungsrechte und die gesundheitlichen Rechte nur unter Bruch und durch lebenslange Einschränkung einer Vielzahl anderer Rechte durchgeführt werden können. Hinsichtlich anderer Rechte, so besonders drastisch im Falle der lebenslangen paradoxen Hormonersatztherapie, wird das Versicherungsrecht so erheblich eingeschränkt, dass intersexuelle Menschen nicht in den Genuss dieser Rechte kommen können.

(15) Beispiele hierfür sind: Michel Reiter 722UR III302/00 v. 2001; 1 BVR 390/03 v.29.10.2003, Verfahren CJClüsserath; 2 BVR 1833/95, eine TS mit IS Hintergrund.

4. Artikel 16 (Ehe und Familie)

Artikel 16 lit. d CEDAW macht nicht nur eine grundsätzliche Aussage über Rechte und Pflichten der Eltern, sondern auch über die Vorrangigkeit des Kindeswohls (vgl. hierzu auch Art. 3 CRC), denn dort heißt es: „gleiche Rechte und Pflichten als Eltern, ungeachtet ihres Familienstandes, in allen ihre Kinder betreffenden Fragen; in jedem Fall sind die Interessen des Kindes (das Wohl des Kindes) vorrangig zu berücksichtigen“.

4.1     Verletzung des Vorrangs des Kindeswohls und Schutz der Identität des Kindes   S. 16
4.2     Widerrechtliche Durchsetzung des Schweigens und die Verweigerung
          von Akteneinsicht
   S. 16
4.3     Gleiches Recht auf Eheschließung   S. 17

4.1 Verletzung des Vorrangs des Kindeswohls und der Schutz der Identität des Kindes

Die Berichterstatterinnen sind der Rechtsauffassung, dass nach Art. 16 lit. d sowie auch nach Art. 5 lit. b CEDAW das Recht zur Kindeserziehung zwar den Eltern zusteht. Dabei ist aber stets das Kindeswohl vorrangig zu berücksichtigen. Die vorübergehende Verunsicherung der Eltern über die körperlich-geschlechtliche Uneindeutigkeit ihres Kindes ist hinzunehmen, um das Recht ihres Kindes auf freie und informierte Einwilligung, welches auch dem Schutz seiner Identität (vgl. Art. 8 (1) CRC) dient, zu gewährleisten. Nach Ansicht der Berichterstatterinnen kann die Verunsicherung der Eltern nicht über das Leben und die Gesundheit des Kindes gestellt werden, zumal die geschlechtverändernden medizinischen Eingriffe irreversible und ungewisse Folgen haben.

Nach Artikel 2 lit. c CEDAW ist jeder Frau gesetzlicher Schutz zu gewährleisten. Dies gilt auch für Kinder, denn nach Art. 24 (1), ICCPR (Zivilpakt) hat jedes Kind einen Rechtsanspruch auf den Schutz durch Familie, Gesellschaft und Staat vor geschlechtlich bedingter Diskriminierung. Soweit es - wie bei der chirurgisch- medikamentösen Geschlechtszuweisung - um medizinisch aufschiebbare Entscheidungen geht, muss das diskriminierungsfreie Recht des intersexuellen Kindes auf freie und informierte Einwilligung auch vor den Eltern geschützt werden. In der Bundesrepublik Deutschland wird intersexuellen Kindern dieser Schutz versagt. Nach Ansicht der Berichterstatterinnen ist der Staat verpflichtet, Kinder vor allen Formen - auch vor nicht vorsätzlichen - von Gewalt und Schadenszufügung zu schützen (Art. 19 CRC). Auch bei diesem Menschenrecht darf es keine geschlechtliche Benachteiligung geben. Die Anwendung von Kastration, Genital-Plastiken und medikamentöser Veränderung der körpereigenen Entwicklungspotentiale während und nach der Phase der körperlichen Entwicklung bei intersexuellen Menschen sind wirksame Mittel der „geschlechtlichen Benachteiligung“ mit für die Betroffenen lebenslanger Wirkung. Das so genannte Bougieren(16) wird von den Betroffenen als sexueller Missbrauch empfunden und führt angesichts der über Jahre postoperativen Schmerzzustände regelmäßig zu schwerster Traumatisierung.

(16) Das gewaltsame Erweitern einer künstlich angelegten Scheide, mit im Durchmesser zunehmnden Stäben, zum Zwecke die Körperöffnung bis zum adulten Alter für die Penetration mit dem Penis des Mannes vorzubereiten.

4.2 Widerrechtliche Durchsetzung des Schweigens und die Verweigerung von Akteneinsicht

Von medizinischer Seite wurde und wird den Eltern vermittelt, dass die Erziehung ihres geschlechtlich veränderten Kindes restriktiv in dem hergestellten Zielgeschlecht zu erfolgen hat. Darüber hinaus werden die Eltern aufgefordert, dem Kind lebenslang jede Information hinsichtlich der Eingriffe wie auch seiner wahren geschlechtlichen Grundlagen vorzuenthalten. Die medizinische Begründung für dieses Vorgehen liegt in der geschlechtlich- sozialen Sicherheit, die das Kind im hergestellten Geschlecht entwickeln soll. Darüber hinaus wird den Betroffenen, als weitere Rechtfertigung, von der Medizin, in deren Fach- und Lehrliteratur unterstellt, dass sie zu Dissozialität neigen, psychisch labil und häufig mental retardiert seien.
Die intersexuellen Berichterstatterinnen bewerten diese Pauschal-Aussagen als mit ihrer Würde als Mensch (Art. 1 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) nicht vereinbar.

Die absolute Verschwiegenheit gegenüber Frauen, bezüglich ihrer früheren intersexuellen Beschaffenheit und die Verweigerung von Akteneinsicht in medizinische Akten verstoßen gegen die Rechte auf gesundheitliche Aufklärung und auf gleichberechtigten Zugang zu Gesundheitsdiensten (vgl. Art. 10 lit. h und 12 (1) CEDAW). Nach Art. 8 (2) CRC ist der Staat, wenn die Identität eines Kindes verletzt worden ist, verpflichtet, angemessenen Beistand und Schutz zu gewähren, so dass die Identität schnellstmöglich wiederhergestellt werden kann.

4.3 Gleiches Recht auf Eheschließung

Artikel 16 CEDAW garantiert das gleiche Recht auf Eheschließung. Alle unter den Schutzbereich dieser Konvention fallenden Menschen dürfen hinsichtlich der Eheschließung also nicht benachteiligt werden. Dies gilt daher ebenso für solche intersexuellen Menschen, deren Geschlecht falsch bestimmt und zugewiesen wurde.

Der daraus möglicherweise entstehende personenstandsrechtliche Widerstreit, der durch die angeborene, individuelle, geschlechtlich- biologische Realität der intersexuellen Menschen bestimmten Geschlechts- bzw. Ehepartnerwahl und der infolge der personenstandrechtlich manifestierten geschlechtlichen Falschzuweisung resultierende personenstandsrechtlich vorgeschriebene Geschlechts-Ehepartner ist daher durch besondere Gesetzgebung zu beheben. Im Sinne einer Heilung kann hier jedoch nicht die Anwendung der Lebenspartnerschaft(17) oder die Transsexualisierung verstanden werden. Die Transsexualisierung(18) der intersexuellen Menschen verbietet sich durch die unterschiedlichen medizinisch-wissenschaftlichen Äthiologien und Genesen von selbst. Die Lebenspartnerschaft würde diesbezüglich auch nicht greifen, da sie allein schon steuerrechtlich eine Benachteiligung zwischengeschlechtlicher Menschen beinhalten würde.

Die Falschzuweisung ist durch die geschlechtliche Fremdbestimmung ein Bruch des „Menschenrechts auf reproduktive Selbstbestimmung“ (Art. 16 (1) lit. e CEDAW).

(17) Lebenspartnerschaft meint das Gesetz zur Verpartnerlichung homosexueller Lebensgemeinschaften. Die Lebenspartnerschaft ist der Ehe rechtlich jedoch nicht gleichgestellt.
(18) Transsexualisierung meint die fälschliche Einordnung intersexueller Menschen als Transsexuelle. Diese ist jedoch falsch: Transsexuelle Menschen treffen eine selbstbestimmte Entscheidung über die Anpassung ihres äußeren Erscheinungsbildes an das innere Geschlecht, während intersexuellen Menschen ein Geschlecht zwangsweise zugewiesen wird.

5. Sondermechanismen


5.1     Eine Möglichkeit der Aufarbeitung: Wahrheitskommission zur Aufklärung der
          Verletzung der Frauen- und Menschenrechte intersexueller Menschen
   S. 17

5.1 Eine Möglichkeit der Aufarbeitung: Wahrheitskommission zur Aufklärung der Verletzung der Frauen- und Menschenrechte intersexueller Menschen

Durch das Verschweigen der Zwischengeschlechtlichkeit während des Nationalsozialismus und später nach Prof. Dr. John Money's „Standard“ ist eine ganze Bevölkerungsgruppe aus der Wahrnehmung und aus dem Gedächtnis der Bevölkerungsmehrheit ebenso wie der Angehörigen dieser Minderheit selbst nahezu vollständig getilgt worden. Zum Schutz der zwischengeschlechtlichen Menschen ist es entscheidend, dass diese in der Öffentlichkeit wahrgenommen und die Kenntnis der an ihnen verübten Menschenrechtsverletzungen und des dadurch entstandenen Leids zur Allgemeinbildung werden, damit sich diese Menschenrechtsverletzungen nie wiederholen können. Dafür braucht es entschlossene Schritte. Die Berichterstatterinnen sehen das Instrument einer Wahrheitskommission als besonders geeignet an. Nach dem Vorbild der kanadischen Wahrheitskommission zur Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen in den indigenen Umerziehungsinternaten sollte dazu ein staatlich finanzierter Ausschuss von Historiker/innen in Zusammenarbeit mit zwischengeschlechtlichen Menschen gehören. Die Finanzierung von Schadensersatz und Schmerzensgeld sollte im Rahmen dieser Wahrheitskommission über einen aus Steuermitteln und Beiträgen der Ärztevereinigungen gespeisten Fonds erfolgen - mit Rückgriffmöglichkeit des Fonds gegenüber den tatsächlichen Schädigern. In Anlehnung an die südafrikanische Wahrheitskommission sollte in den Fällen, wo deutsche Strafgesetze verletzt worden sind, eine deutliche Strafmilderung, aber keine vollständige Strafbefreiung erreicht werden können unter der Voraussetzung der vollständigen Offenlegung aller Patientenakten gegenüber den jeweiligen Patientinnen und gegenüber der Historikerkommission sowie bei Unterstützung der Patienten zu Wiederherstellung ihrer Gesundheit. Zahllose Mediziner haben sich in gutem Glauben oder aus Angst, durch Wegschauen und Schweigen zu Komplizen gemacht. Daher erscheint eine Milderung im Gegenzug zur öffentlichen Aufarbeitung vertretbar.

6. Forderungen und Empfehlungen / Recommendations

>>> FORDERUNGEN INTERSEXUELLE MENSCHEN e.V.


Diese am 20.7.2008 an den Bundestag und Ärzteorganisationen versandte Forderungsliste wurde dem Schattenbericht zusätzlich beigelegt.


6.1     Die Forderungen der Betroffenen   S. 18
6.2     Notwendige Hilfsprogramme für Betroffene   S. 19

6.1 Die Forderungen der Betroffenen

1. Unterlassen irreversibler chirurgischer und medikamentöser Eingriffe, so lange ihnen keine lebensbedrohliche Indikation zugrunde liegt.

2. Kosmetische Eingriffe nur mit ausdrücklichem Einverständnis des Betroffenen unter vollständiger zu dokumentierender, schriftlicher Aufklärung.

3. Die behandelnden Mediziner haben den Betroffenen unaufgefordert bei Entlassung eine vollständige Kopie der dortigen Krankenakte auszuhändigen.

4. Die behandelnden Mediziner haben, insbesondere bei Organentfernungen, den Patienten über alle gegenwärtigen und zukünftigen Risiken des Eingriffs aufzuklären.

5. Insbesondere ist Medizinern die Verpflichtung aufzuerlegen, die aus dem Eingriff resultierende Medikamententherapien hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und ihrer Risiken schriftlich gegenüber dem Betroffenen zu erklären.

6. Bildung von spezialisierten Kompetenzzentren zur Behandlung intersexueller Menschen.

7. Ausbildung von auf Intersexualität spezialisierten Fachkräften in allen Disziplinen.

8. Bildung von Beratungsteams für Eltern bei Fällen von Intersexualität, bestehend aus Medizinern, Psychologen und Betroffenen.

9. Flächendeckende Einrichtung von Beratungsstellen, die mit Betroffenen besetzt sein sollten.

10. Besondere finanzielle und strukturelle Förderung geeigneter Selbsthilfegruppen.

11. Einsetzen geeigneter Betroffener als Beobachter von Studien zur Intersexualität.

12. Umfassende Evaluierung der Wirkungen und Machbarkeit lebenslanger paradoxer Hormonersatztherapien unter dem Aspekt der Berücksichtigung des Lebensalters (ggf. Eintrag der Indikation in die Zulassung des jeweiligen Medikamentes).

13. Umfassende Evaluierung der Wirkungen lebenslanger chromosomal und altersgemäßer adäquater Hormonersatztherapien (ggf. Eintrag der Indikation in die Zulassung des jeweiligen Medikamentes).

14. Einarbeitung des Begriffes der Intersexualität in das Recht.

15. Aufhebung der Verjährungsfristen hinsichtlich der ursächlichen Eingriffe, da durch die vielfach dokumentierte vorsätzliche Zurückhaltung der Krankenunterlagen und der damit verbundenen Diagnosen, Betroffene durch die staatlich geförderte Fortsetzung eines Rechtsbruchs weiter in ihren Rechten geschädigt würden.

16. Studien , die sich mit dem Lebenslauf intersexueller Menschen beschäftigen und Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenssituation dienen, müssen wieder aufgenommen werden

17. Bei Neugeborenen mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen hat beim Standesamt ein lediglich provisorischer Geschlechtseintrag zu erfolgen. Geschlechtsneutrale Vornamen sind zulässig.

6.2 Notwendige Hilfsprogramme für Betroffene

1. Einrichtung eines Hilfs- und Entschädigungs-Fonds für Betroffene (nach dem Vorbild der Entschädigung für die Opfer der kanad. „residential schools“).

2. Generelle Aufstockung der Rentenbeiträge aller Betroffenen auf das durchschnittliche mittlere Rentenbeitrags-Niveau. Intersexuellen wird durch Traumatisierung und Hormonbehandlung Zeit für ihr berufliches Fortkommen genommen.

3. Rentenrechtliche Regelung für intersexuelle Menschen allgemein, und spezielle Regelung für von geschlechtszuweisenden Maßnahmen Betroffener.

4. Einrichtung eines Rehabilitationsplanes und eines entsprechenden Zentrums zur unter Umständen möglichen Wiederherstellung der körperlichen Gesundheit.

5. Befreiung von Zuschlägen in der Krankenversicherungsbeiträgen und jeglichen Zuzahlungen.

6. Erstellung einer Tabelle zur Feststellung des durch die Behandlung/ Nichtbehandlung/ Falschbehandlung verursachten Grades der Behinderung.

7. Eröffnung und wirtschaftliche Ermöglichung eines besonderen Zugangs Betroffener zu Bildungs- und Weiterbildungsmaßnahmen zum Zwecke des Ausgleichs, der durch die Gesellschaft erlittenen Suppressionen der sozialen und beruflichen Kompetenz (REHA)

Addendum / Anhang - Case Studies / Fallbeispiele

Der Parallelbericht enthält Anlagen mit Fallberichten sowie Aufsätzen und wissenschaftlichen Arbeiten, die verschiedene Positionen in der zwischengeschlechtlichen Gemeinschaft deutlich machen.

A1. Fallbericht Nella   S. 22
A2. Fallbericht Christina T.   S. 27
A3. Der “Behandlungsstandard“ nach Dr. John Money   S. 31
A4. Linksammlung   S. 33
A5. Text von Prof. Dr. Milton Diamond und Ass. Prof. Hazel Glenn-Beh:
       "Ein zum Vorschein kommendes ethisches und medizinisches Dilemma:
       Sollten Ärzte geschlechtsangleichende Operationen an Kleinkindern
       mit uneindeutigen Genitalien durchführen?”
   S. 35     
A6. Intersexualität. Die alltägliche Folter in Deutschland.
       Ein Forschungsbericht, Humboldt- Universität zu Berlin
   S. 87
A7. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage   S. 126

A1. Fallbericht Nella

Beurteilt, zugewiesen und verwaltet: ein Leben aus der Krankenakte

Von Anfang an keine Chance

Ich bin 1965 mit einem schweren Herzfehler und uneindeutigem Genitale geboren. Aufgrund des Herzfehlers wurde ich ein paar Tage nach meiner Geburt notgetauft, da die Mediziner davon ausgingen, dass ich nicht lange überleben würde. Sie behielten mich in der Folge im Krankenhaus, meine Eltern durften mich nicht nach Hause nehmen. Mein Vater musste arbeiten, meine Mutter reiste so oft wie möglich aus dem weit entfernten Bergdorf in die Stadt, durfte mich jedoch nur durch eine Glasscheibe anschauen.

Als meine Eltern mich nach drei Monaten endlich nach Hause nehmen durften, war ich gezeichnet von den Folgen eines Hospitalismus(19). Ich hätte so schlimm ausgesehen, dass sie sich geschämt habe, mit mir im Dorf spazieren zu gehen, erzählte mir meine Mutter.

Die Mediziner begründeten diese Maßnahme mit der Infektionsgefahr aufgrund des Herzfehlers. Während diesen drei Monaten wurden gemäß Krankenakte auch verschiedene Untersuchungen aufgrund meines uneindeutigen Genitales durchgeführt, wobei festgestellt wurde, dass sich im Bauchraum Hoden befanden und ich über einen männlichen Chromosomensatz verfüge.

Der Befund meines äußeren Genitales:

„Prima vista aussehend wie bei AGS. Der Penis ist 2 cm lang, das Scrotum nicht ausgebildet, sondern in Form von zwei Labia majora vorhanden. Kein Sinus urogenitalis, beim Perineum befindet sich die Mündung der Urethra. Diese ist nicht stenosiert, sie weist dorsalseits eine reizlose Narbe auf."

Trotz meines lebensbedrohenden Herzfehlers wurde ich Anfang September 1965 im Alter von 2 1/2 Monaten kastriert, was aus zwei Sichtweisen unverständlich ist: Diese Operation barg einerseits aufgrund meines Herzfehlers ein großes Risiko. Andererseits machte sie aufgrund der angenommenen geringen Lebenserwartung keinen Sinn. Es liegt also nahe, dass die Ärzte in Kauf genommen haben, dass ich an den Folgen der Narkose und des Eingriffs sterbe, dass ihnen das 'Experiment' wichtiger war.

Die durchgeführte Kastration wurde ohne Einwilligung meiner Eltern vorgenommen und sollte ihnen in der Folge verschwiegen werden. Die Ärzte entschieden sich dann doch anders:

"Entgegen dem früheren Entschluss, den Eltern nichts über die genitale Situation zu sagen, kamen wir nach reiflicher Überlegung überein, den wahren Sachverhalt trotzdem mit den Eltern zu besprechen, insbesondere da eine gesteuerte Nachkontrolle über die nächsten 20 Jahre nicht gesichert ist.
(...)
2. Ihr Kind sei ein Mädchen und dieses Geschlecht sei ein für allemal festgesetzt.
3. Bei der Operation hatte sich folgender Befund gezeigt: es sei kein Uterus vorhanden gewesen, die Keimdrüsen seien missgebildet gewesen und hätten entfernt werden müssen. Die Vagina sei kurz.
4. Während der Pubertät, d.h. mit etwa 10 – 11 Jahren, müsse das Kind unbedingt strengestens überwacht werden, und es müsse zur rechten Zeit mit einer hormonellen Behandlung eingesetzt werden.
5. Nach der Pubertät müsse eine weitere korrektive Operation (gemeint Vaginalplastik, die Details wurden selbstverständlich nicht mit den Eltern besprochen) durchgeführt werden."
(17. September 1965)

An anderer Stelle heißt es (und natürlich ist wie üblich von 'Eierstöcken' und nicht von 'Hoden' die Rede):

"Besprechung mit Eltern: Entgegen dem früheren Entschluss kamen wir überein, dass man den Eltern doch sagen muss, dass das Kindlein kastriert werden musste und in der Pubertät streng überwacht werden müsste, da die Nachkontrolle eben nicht gesichert ist und die Mutter eine [...] ist und ev. zu einem späteren Zeitpunkt nach [...] verschwinden kann."

Die Kastration wurde später als Fehler beurteilt:

"7. Weiteres Procedere: Ich habe den Fall unmittelbar nach der Cystoskopie nochmals mit Herrn Prof. (...) besprochen. Es liegt seiner Ansicht nach ein männliches Geschlecht mit Hypospadie vor. Obwohl er selbst bei der früheren Beurteilung und vor der Castratio anwesend war, glaubt er retrospektiv doch, dass ein Fehler begangen wurde. Die Situation ist nun jedoch so, dass auf diesem Wege fortgefahren werden muss und aus  dem kleinen Patienten ein Mädchen gemacht werden muss. Zur Frage der Vaginalplastik äussert er sich so, dass diese sobald wie möglich durchgeführt werden sollte und nicht erst dann, wenn sich das Kind darüber im Klaren wird.“

Fazit: Ich wurde im Alter von nur 2 1/2 Monaten trotz eines lebensbedrohenden Herzfehlers ohne die Einwilligung meiner Eltern kastriert und die Kastration stellte sich später als Fehler heraus!


Lügen und Halbwahrheiten

Die Mediziner haben meine Eltern angelogen und in der Folge angewiesen, wie sie mich zu erziehen hätten:

"Das Kind ist ein Mädchen und wird es bleiben, die ganze Erziehung hat sich danach zu richten. Mit niemandem ausser den Eltern u. dem Arzt (...) soll über die Geschlechtfrage weiter diskutiert werden."

Meinen Eltern wurde verschwiegen, dass ich chromosomal männlich bin und dass man meine Hoden entfernt hatte. Natürlich wurde ihnen auch verschwiegen, dass man einen Fehler gemacht hatte. Meine Eltern wurden also in der Folge systematisch belogen:

"Die Eltern fragten dann natürlich ob das Mädchen Kinder haben könne, und es wurde gesagt, dass dies fraglich sei."

oder mit absurden Halbwahrheiten abgespiesen:

"Beide Eltern sind übrigens gut orientiert über die Situation. Sie wissen, dass Daniela ein Mädchen ist, und dass es ein Mädchen bleiben wird. Sie wissen, dass man die missgebildeten Ovarien entfernen musste, da sonst die Gefahr einer Virilisierung bestanden hätte; (...)." (3.2.72)

Erstens hatte ich nie Eierstöcke und zweitens kann man mit Eierstöcken nicht vermännlichen!
Auch ich wurde permanent belogen und mit unsinnigen Aussagen 'ruhig gestellt':

"21.8.79 Daniela ist beunruhigt wegen ausbleibender Menses, ob dies nicht schaden könne. Erklärt, dass Gebärmutter so klein sei, dass keine Menses zu erwarten seien. Es schade nichts, wenn Frauen keine Menses hätten."


Genitalkorrektur und Herzoperation


Ich wurde dann doch älter als vorgesehen. Ich war sieben Jahre alt, als die Mediziner sich dazu entschlossen, die komplizierte Herzoperation durchzuführen, obwohl die Prognose nicht sehr gut war:

"Die Operation des Endokardkissendefektes ist an sich sehr schwierig und zeigt eine hohe Operationsmortalität von rund 50 % bei der kompletten Form. In diesem Fall besteht zusätzlich eine Hypoplasie der linken Seite mit wahrscheinlicher Mitralstenose, was die Operationschancen noch weiter verschlechtert. (...) Die Gesamtprognose zusammen mit dem Pseudohermaphroditismus und dem schweren Vitium schauen wir als nicht sehr gut an. Allerdings kann erfahrungsgemäss keine Dauer angegeben werden. Trotzdem glauben wir nicht, dass das Mädchen das Erwachsenenalter erreichen wird."

Wegen Voruntersuchungen zur Herzoperation war ich im Februar 1972 im Krankenhaus. Aufgrund einer Infektion konnten diese Voruntersuchungen jedoch nicht durchgeführt werden. Und da ich schon mal dort war, wurde kurzerhand mein Genital korrigiert, wie folgender Auszug aus meiner Krankenakte dokumentiert:

"Da die Kardiologen wegen eines interkurrenten Streptococceninfektes den geplanten Herzkatheterismus hinausschieben mussten, haben wir die Gelegenheit benutzt, die schon 1965 geplante Genitalkorrektur vorzunehmen."

Aus dem Bericht nach der Operation vom 10.2.1972:

"Wichtig für den Wochenenddienstarzt: Falls die Eltern Auskunft über die Kleine wünschen, ist es wichtig zu wissen, was den Eltern über das Mädchen von der 'Med. Klinik ' gesagt wurde. Es steht in den vorangehenden Seiten unter 'Besprechung mit den Eltern'.
Post. Op.: Kind zeigt die Zeichen des Schocks. Nachblut. Es wird PPL Lsg infundiert. Zudem erbricht das Kind viel. Die starke Bronchitis, die sie seit Tagen hat, lässt leicht nach.
Starke Hämatome bds. der Clit()oris. Rechts bläulich-schwärzliche Verfärbung. Beginn einer Nekrose?"

14.2.72. Die Hämatome bds. der Clit()oris sind fluktuierend. Ueber Nacht hat die Kleine wieder nachgeblut()et, tiefer Quick?
Das Kind hustet nach wie vor stark. Links basal sind einige trockene RG zu hören. kein Fieber."

Schwester "Annemarie" war dann für die Wundversorgung und das „nachts beide Hände anbinden“ zuständig.

Neun Tage später ging es schon weiter:

"Heute (19.2.72) wurde Daniela wieder in die Kindermedizin zurückverlegt in der Hoffnung, dass im Laufe der nächsten Woche der Herzkatheterismus durchgeführt werden kann. Wenn die Operationswunde wie bisher weiter komplikationslos abheilt, dürfte für diesen Eingriff, bei dem Inguinal eingegangen werden muss, nichts im Wege stehen."

Fazit: Zum zweiten Mal wurde ich trotz meines lebensbedrohenden Herzfehlers aufgrund meines uneindeutigen Geschlechts operiert! Keine Rede von Infektionsgefahr mehr! Die Mediziner stellten ihre Definitionsmacht über mein Leben!


Verdrängung als Selbstschutz


Als ich die Unterlagen zur Genitaloperation in meiner Krankenakte fand, dachte ich zuerst an einen Irrtum, meinte, es müsse sich um Unterlagen aus einer anderen Akte handeln. Ich hatte die Operation komplett aus meinem Gedächtnis gelöscht(20), wusste absolut nichts mehr davon. Neben der Erkenntnis, dass ich massiv operiert wurde, hat es mich sehr erschüttert, dass ich das dermaßen verdrängt hatte, weil es zu schrecklich war. Ich habe mich dadurch geschützt, hatte mir sogar eine 'Ersatzerinnerung' zurecht gelegt, die darauf beruhte, dass meine Mutter auf mein Nachfragen sagte, dass man mir nur ein bisschen überschüssige Haut entfernt habe, ambulant.

Am 20.7.1972 wurde ich dann am Herz operiert. Im selben Jahr haben mir die Mediziner also das Leben gerettet und vieles unwiederbringlich zerstört.

Mit achtzehn Jahren wurde eine Vaginalplastik durchgeführt. Diese Operation wollte ich selbst, da mir gesagt wurde, dass ich 'so' keinen Freund haben könne. Ich habe mir aber geschworen, dass es die letzte sein soll und dass ich danach nie wieder zu einem Arzt gehen würde. Ich gehe auch heute nur im äußersten Notfall zum Arzt, gynäkologische Untersuchungen meide ich seit Jahren ganz.


Verlorene Jahre

Heute, mit 42 Jahren, lebe ich immer noch (zäh, wie eine Katze, sagt mein Vater immer) und hatte bisher keine besonderen gesundheitlichen Probleme, wobei man das eigene Erleben nur bedingt mit anderen vergleichen kann. Nun beginne ich mir Gedanken betreffend meiner contrachromosomalen Hormonersatztherapie als Folge der Kastration und den möglichen Folgeschäden zu machen, die sich abzuzeichnen scheinen: seit etwa zwei Jahren habe ich vermehrt Gelenkschmerzen (Rücken, linke Hüfte, Knie, Füsse) nach nur einer Stunde spazieren mit Hund (vorher kein Problem), habe oft bleischwere Beine, fast täglich Schwindelgefühle, wieder vermehrt Hitzewallungen, Müdigkeit. Ich bin sehr dünn geworden. Vor zwei Jahren hat man bei mir eine Vorstufe zur Osteoporose diagnostiziert. Heute habe ich mit ziemlicher Sicherheit eine Osteoporose. Ich sollte mich deshalb aufraffen und doch wieder mal zum Arzt gehen.

Meine psychischen Probleme konnte ich zum größten Teil in einer Psychoanalyse (seit sieben Jahren in Behandlung) aufarbeiten. Ich werde jedoch mein Leben lang unter den Folgen dieser menschenverachtenden Behandlung leiden. Ich bin weder Mann, noch Frau, aber vor allem bin ich auch kein Zwitter mehr. Ich bleibe Flickwerk, geschaffen von Medizinern, verletzt, vernarbt. Ich muss mich neu erfinden, wenn ich weiter leben will.

Heute habe ich dank Jahre langer Psychoanalyse meinen inneren Frieden gefunden, kann wieder Nähe und Liebe zulassen. Und dennoch ist es schwierig. Ich fühle mich wie jemand, der nach vierzig Jahren aus dem Koma erwacht ist, seine Hände betrachtet und realisiert, wie die Zeit vergangen ist und wie wenig er vom Leben hatte. Mein körperlicher Urzustand ist unwiederbringlich verloren. Meine Identität, meine Würde wurden mir genommen. Nun mache ich mich auf, um sie mir wieder zurück zu erobern!
(1) "Unter Hospitalismus (ursächlich auch Deprivationssyndrom genannt) versteht man alle negativen körperlichen und seelischen Begleitfolgen eines längeren Krankenhaus- oder Heimaufenthalts. Dies beinhaltet auch mangelnde Umsorgung und lieblose Behandlung von Babys und Kindern, in der Psychiatrie Symptome infolge von Heimaufenthalt, oder durch Folter oder Isolationshaft. Der Ausdruck Deprivationssyndrom stammt vom Begriff Deprivation, lateinisch deprivare - berauben in Bezug auf Reize und Zuwendung." (http://de.wikipedia.org/wiki/Hospitalismus)
Vgl. auch Deprivationssyndrom: "Als Deprivation (auch Deprivationssyndrom, anaklitische Depression) bezeichnet man in der Pädiatrie (Kinderheilkunde) die mangelnde Umsorgung und fehlende Nestwärme bzw. Vernachlässigung von Babys und Kleinkindern. Hospitalismus tritt häufig in Krankenhäusern, Säuglingsstationen und Heimen auf. Dauert die Deprivation länger an, kommt es zu psychischem Hospitalismus und zur Unfähigkeit, soziale Kontakte aufzubauen, dem Autismus ähnelndem Verhalten oder zu Sprachstörungen. " (http://de.wikipedia.org/wiki/Deprivation)
(2) Bei Dissoziationen (auch dissoziative Störungen genannt) handelt es sich um eine vielgestaltige Störung, bei der es zu einer teilweisen oder völligen Abspaltung von psychischen Funktionen wie des Erinnerungsvermögens, eigener Gefühle (Schmerz, Angst, Hunger, Durst, …), der Wahrnehmung der eigenen Person und/oder der Umgebung kommt."
(...) (http://de.wikipedia.org/wiki/Dissoziation_(Psychologie)
Vgl. auch dissoziative Amnesie: "Das Abkoppeln des expliziten Gedächtnisses von diesem "Eigenleben" der niederen Steuerungsebenen erklärt die bei Traumatisierten häufig beobachtbaren dissoziativen Symptome: das Nicht-Erinnerungsvermögen an Trauma-Situationen nennt man auch dissoziative Amnesie. Die Abtrennung des Großhirns vom Nachrichtenfluss bewirkt, dass keine oder nur wenige sinngebenden Bewertungen vorhanden (bzw. physiologisch möglich) sind und auch kaum etwas im expliziten Gedächtnis gespeichert ist. Da die impliziten Gedächtnisse zustandsabhängig arbeiten, werden die dort gespeicherten Informationen nach dem Ende der Lebensgefahr manchmal nicht mehr aktiviert; sie scheinen "vergessen" (Amnesie). Oder sie werden in bestimmten Situationen aktiviert, scheinen aber sinnlos zu sein, was dann zu Bewertungen durch die Umgebung wie "hochsensibel" führen kann." (http://www.aufrecht.net/utu/trauma.html)

A2. Fallbericht Christina T.

Männliche Geschlechtszuweisung und Zwangskastration bei Adrenogenitalem Syndrom (AGS) mit 21-Hydroxylase- Defekt (Salzverlustsyndrom) und XX-chromosomalem Geschlecht

Ich bin als zweitjüngstes von sieben Kindern eines Architekten und einer Hausfrau zur Welt gekommen. Bei meiner Geburt war die Hebamme zunächst unsicher, ob ich ein Junge oder ein Mädchen sei, bis sie mich aufgrund des genitalen Befundes als Jungen klassierte. Ich wurde also als Junge, obwohl keine Hoden vorhanden waren, beim Standesamt angemeldet, also männlich zugewiesen, und als Junge erzogen.

Tatsächlich war das, was die Hebamme für ein männliches Geschlechtsteil angesehen hatte, eine ungewöhnlich verlängerte Klitoris, an deren Unterseite die fehlgebildete Harnröhre mündete, was als Hypospadie bezeichnet wurde. Dies bezeichnet mein männlichen Kind und Heranwachsenden den Zustand, bei dem die Harnröhre nicht an der Penisspitze, sondern irgendwo vorher austritt.
Tatsächlich lag (und liegt) bei mir nur ein sogenanntes Adrenogenitales Syndrom (AGS) mit 21-Hydroxylase- Defekt vor bei (ehemals) eindeutig gesunden und vollständigen XX-chromosomalen Gonaden. Genetisch/biologisch bin ich also völlig eindeutig Frau, bzw. weiblichen Geschlechtes, die jedoch unter einem Mangel des Enzyms 21-Hydroxylase leidet, was einen Mangel der lebenswichtigen Hormone Cortisol und Aldosteron zur Folge hat. Hieraus wiederum folgt die übermäßige Produktion von Androgenen, die zu einer Virilisierung der Klitoris führt.

Erstmals nach einer Blinddarmoperation wurde ich urologisch untersucht und wegen eines vermeintlichen Leistenhodens in der Urologie Kleve operiert. Nach dieser Operation wurde ich als 17-jährige vom Hausarzt meiner Eltern über meinen genitalen Befund folgendermaßen informiert:

"Du bist kein Mann. Du bist auch keine Frau. Du bist ein Zwitter. So ein Fall wie dich gibt es nur eins zu einer Million Geburten pro Jahr auf dieser Welt. Das kann man nicht heilen. Da kann man nichts machen. Damit musst du leben." Er begann höhnisch zu lachen: " So Menschen wie dich hat man früher auf dem Jahrmarkt ausgestellt und damit Geld verdient. Das kannst du ja auch mal ausprobieren. Da bist du eine Sensation, eine Kuriosität!"

Diese inhumane und äußerst brutale Befundmitteilung stürzte mich in eine tiefe Depression und erzeugte in mir Selbstmordabsichten. Mit Hilfe meiner damals in Köln lebenden älteren Schwester kam ich dann im November 1976 in die Klinik Köln-Merheim, wo ich mich vom 29.11. - 20.12.1976 und vom 25.07. - 23.08.1977 aufhielt.

Nachdem bereits in der urologischen Abteilung des Krankenhauses Kleve weder äußerlich noch im rechten Leistenkanal bis hin zur Blase Hoden oder Samenstrang auffindbar waren, wohl aber ein ovarförmiges Gebilde mit Fimbrien, ergab auch die Untersuchung in der Pathologie auf Veranlassung des Köln-Merheimer Krankenhauses, dass in den zur Befund übersandten Gewebeproben kein Hodengewebe, wohl aber Tube, Nebenhoden und Ovar zu finden waren.
Die Universitäts-Frauenklinik Köln nahm eine Chromosomenanalyse vor, deren Ergebnis unter dem 12.12.1976 eine normale weibliche chromosomale Konstitution (46,XX) ergab.

Obwohl die mich behandelnden Internisten eine "Laparotomie" angemeldet hatten, urolog. Konsil, erfolgte am 12.08.1977 durch den Oberarzt der Chirurgie, der gleichzeitig Leiter der urologischen Abteilung des Köln-Merheimer Krankenhauses war, eine "Testovarektomie bei Pseudohermaphroditismus", Anästhesiebericht, über deren Verlauf festgehalten wurde:

"Laparotomie am Freitag, den 12.08.1977. ... normale weibliche Anatomie mit präpuberalem Uterus, normal große Ovarien, Vagina endet blind... Entfernung aller intraabdominellen Genitalorgane... Es liegt damit kein Hermaphroditismus vor. Ursache der Virilisierung entweder AGS oder NNR-Tumor."

Die Pathologie berichtete dem obig genannten Operateur über den Befund des entnommenen Organes: "6 x 3 x 2 cm großer Uterus mit glatter Portio, einem schmalen Endometrium sowie Myometrium. Der Corpusteil des Organes ist hypoplastisch. Beiderseits anhängend je ein knapp pflaumengroßes Ovar mit ... Zysten".

Der Oberarzt der Chirurgie und gleichzeitiger Leiter der Urologie hat mir also damals als 18-jährige, dem Gesetz nach bereits Volljährige, meine normalen weiblichen Geschlechtsorgane völlig grundlos, ohne Aufklärung, ohne meine explizite Unterschrift/Einwilligung und somit eigenmächtig operativ entfernt. Über das Ergebnis der Operation und die dabei getroffenen Feststellungen bin ich niemals unterrichtet, sondern in dem Glauben gelassen worden, mir sei entartetes gonadales Gewebe, bzw. eine Art Tumor entfernt worden. Bei vollständiger und korrekter Aufklärung und mit angemessener therapeutischer Behandlung des adrenogenitalen Syndroms hätte ich, die auch psychologischer Betreuung bedurft hätte (diese wurde mir durch den Oberarzt der psychosomatischen Abteilung der Uni-Klinik Köln-Lindenthal mit Absicht vorenthalten, psychosomatische Exploration, 03.08.1977), eine erfüllte weibliche Sexualität, das Leben einer Frau und Mutter erleben können.

Dies alles wurde mir durch die Genitalverstümmelung, bzw. durch die an mir nachgewiesenermaßen durchgeführte Zwangskastration mit Absicht zerstört. Die unterlassene Aufklärung, die fehlende Einverständnis, die Geheimhaltung, die gegen jedes Patientenrecht widerrechtliche Medizin-Politik des "Nichtwissens" und Falschaufklärung ergibt sich auch aus dem Schreiben des mich damals behandelnden Oberarztes der Inneren Medizin des Krankenhauses Köln-Merheim an das Kreiswehrersatzamt Krefeld. Unter dem Datum vom 05.06.1979 (!) wird u.a. vermerkt:

"Der Patient ist genotypisch weiblich und die normalen weiblichen inneren Organe wurden hier operativ entfernt. Ich bitte um unbedingte Berücksichtigung der Tatsache, dass Herr V. über das Ausmaß der Erkrankung noch nicht vollständig informiert ist. Die obig genannten Diagnosen dürfen ihm auf keinen Fall mitgeteilt werden".

Aus diesem Schreiben ergibt sich ebenfalls die absichtliche "Nichtinformation" seitens der damaligen Ärzte über die damals bereits bestehende sowohl hormonelle als auch chirurgische Anpassung an das weibliche Geschlecht. Dies hatte zur Folge, dass ich mich im weiteren Verlauf völlig überflüssiger Harnröhrenkonstruktionen unterzogen habe, bzw. dass ich seitens der mich damals behandelnden Ärzte eine chirurgisch-urologische und hormonelle Geschlechtsumwandlung untergeschoben bekam (FzM), wobei die für mich lebensnotwendige und lebenslängliche Hormonersatztherapie (Kortison- und Testosteronabgabe) erst zwei Jahre nach Diagnosestellung meines AGS und meiner widerrechtlichen Kastration begann. Somit stellt das absichtliche Vorenthalten meiner für mich lebensnotwendigen Medikamente durch die damals mich behandelnden Ärzte für die Dauer von nachweisbar zwei Jahren den Tatbestand des Mordversuches dar. Also war ich darüber hinaus für die damaligen Ärzte ein medizinisch- menschliches Experiment mit der Fragestellung: Wie lange schafft es ein AGS-Körper, eine AGS-Betroffene, ohne Kortison zu überleben?

Die Harnröhrenkonstruktionen, die mir untergeschobene FzM- Geschlechtsumwandlung und die widerrechtliche Entnahme meiner gesunden weiblichen Organe/meine Zwangskastration hatten folgende Konsequenzen: Ich leide unter chronischen, nahezu antibiotikaresistenten Harnwegsinfektionen mit chronischen, schmerzhaften Harnblasenentleerungsstörungen und Restharnbildung. Es bildete sich an meinem weiblich angelegten Körper sogenanntes Kastratenfett. Mein von Natur aus weiblicher Körper wurde durch den Ausfall der körpereigenen Hormonproduktion und die Gabe von Testosteron vermännlicht. Die ursprünglich weibliche Stimme vermännlichte. Es bildete sich mit der Zeit eine stark ausgeprägte männliche Stirnglatze und starker Haarausfall sowie eine männliche Körperbehaarung, insbesondere Bartwuchs. Meine Haut entwickelte eine mannestypisch vermehrte Talgproduktion mit Aknebildung.

Aus einer nahezu gesunden jungen Frau, also ich, die bis zum Eintritt der Volljährigkeit (das Volljährigkeitsalter war von vorher 21 Jahren zum 01.01.1975 auf 18 Jahre herabgesetzt worden, BGBI 74 I 1713) fälschlicherweise als Junge aufgewachsen war, wurde durch den nachgewiesenermaßen widerrechtlichen operativen Eingriff, die Zwangskastration, und die gegen jedes geltende Patientenrecht und die Grundgesetze dieses Landes verstoßende, bzw. die widerrechtliche Medizin-Politik der absichtlichen Geheimhaltung und Falschaufklärung sowie nachgewiesenermaßen unterlassenen Hilfeleistung ein erheblich defekter "Mann" konstruiert.
Ich wurde gezwungen von 1977 bis 2006 und darüber hinaus ein falsches Leben zu führen, nämlich als Frau dasjenige eines Mannes. Erfüllte Partnerschaft, erfüllte Sexualität, mein Recht auf Mutterschaft und die Möglichkeit eine Familie aufzubauen sind mir auf diese Art und Weise genommen und zerstört worden.

Erst durch Einsicht in meine Krankenunterlagen im November 2006, die ich aufgrund dringender hormoneller und chirurgischer Weiterbehandlung anforderte, wurde die ganze Wahrheit, bzw. die schwere und gefährliche Körperverletzung (§ 224 und § 226 STGB), die permanente Verletzung und Verstöße gegen geltendes Patientenrecht, der Verstoß gegen das Kastrationsgesetz, und die massiven Verstöße gegen die Grundgesetze dieses Landes und die Menschenrechte durch die mich damals behandelnden Ärzte offenbar.

 Nunmehr im Alter von 48 Jahren beginne ich damit die Frau zu werden, die ich von Natur aus schon immer war. Die verlorene Jugend und das Leben einer Frau mit 20 oder 30 Jahren kann mir dies nicht zurückbringen. Es kann auch niemals wieder gut gemacht werden, was ich als 17- und 18-jährige im Krankenhaus erlitten habe:

  • Vermessung von Becken- und Schädelumfang sowie Arm- und Beinlängen ohne irgendwelche Angaben von Gründen,
  • die öffentliche Vorführung vor Studenten der Medizin mit der Aufforderung mich vollständig zu entkleiden,
  • erzwungene Ganzkörpernacktaufnahmen und Nahaufnahmen meines intersexuellen Genitales,
  • entstellende Operationsnarben im gesamten Unterbauch- und Intimbereich.
  • Erzwungene Exploration durch den damaligen Oberarzt der Psychosomatik der Uni-Klinik Köln-Lindenthal zur Ausleuchtung meiner sexuellen Orientierung und Verhaltensweisen, sowie seine widerrechtliche Weitergabe meiner intimsten Details an Dritte (Verstoß gegen das Datenschutzgesetz) bis auf den heutigen Tag.
  • Erzwungener Intelligenztest durch den obig erwähnten Psychosomatiker zur Ausleuchtung der Einflüsse meiner Erkrankung und der Auswirkung der Androgene auf mein Gehirn.
  • Demütigungen und bis heute bestehende psychische Traumata durch zutiefst verletzende, inhumane, völlig geist- und charakterlose Kommentare seitens der damaligen Ärzte.
  • Verlust meiner körperlichen Integrität durch gezielte Verletzung meiner Grundrechte und die Zwangskastration.
  • Verlust meiner psychischen Integrität durch obig genannte Maßnahmen und das daraus resultierende objekthafte Erleben meines Körpers, den ich als vom Selbst getrennt erlebe.

Die permanente Verletzung meiner intimsten Privatsphäre und die permanente Sorge, dass meine Intim- und Körperdaten einschließlich Lichtbildern in Fach- und möglicherweise sonstigen Publikationen und diversen Internetforen zu finden sind, haben mir jegliche Unbefangenheit im Umgang mit anderen Menschen genommen. Unter der daraus resultierenden psychischen Isolation und der Unfähigkeit tiefer gehende, vertrauensvolle soziale Kontakte knüpfen zu können, leide ich bis an mein Lebensende.

Für all dies mir zugefügte Leid, für diese an mir durch die Institution Medizin verübten Medizinal-Verbrechen, einen angemessenen Schmerzensgeldausgleich, denn Wiedergutmachung ist nicht möglich, z.B. kann man mir meine gesunden Geschlechtsorgane (Eierstöcke und Gebärmutter) nicht re-implantieren, finden zu können, fällt sehr schwer. Bei der Bezifferung wird man am ehesten an Fälle schwerster Persönlichkeitsveränderungen durch Hirnschädigungen denken müssen.

A3. Der "Behandlungsstandard" nach Dr. John Money

Der “Behandlungsstandard“ nach Dr. John Money und die damit verbundenen Verstöße der Bundesrepublik Deutschland gegenüber der Verpflichtung zum Einschreiten gegen diskriminierende Gepflogenheiten 

In den späten 1950er Jahren begann die experimentelle chirurgische Geschlechtsangleichung „intersexueller“ Kleinkinder auf Grund der von dem Psychiater Prof. Dr. John Money von der Universität Baltimore entwickelten “Zeitfenster-Theorie”, wonach die Geschlechtsidentität bis zu einem bestimmten Alter, welches irgendwo zwischen 6 Monaten und 2 Jahren nach der Geburt liege, unbestimmt sei und daher anerzogen werden könne, wenn das körperliche Erscheinungsbild innerhalb dieses Zeitfensters eindeutig chirurgisch dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zugewiesen werde.

Anfang der 1970er Jahre wurde die Geschlechtszuweisung in sowohl in der damaligen DDR als auch in der Bundesrepublik Deutschland zum medizinischen Standard erklärt, obwohl keine wissenschaftlichen Beweise erbracht wurden, durch die Berühmtheit des Falls eines einzigen Jungen (unter dem Pseudonym “John/Joan-Fall”). Dieser war eindeutig männlich geboren und hatte durch einen Unfall im Kleinkindalter seinen Penis verloren. Auf den Rat von Dr. John Money erhielt er keine männliche Rekonstruktionsplastik, sondern er wurde zum Mädchen umoperiert einschließlich der Entfernung seiner gesunden Hoden und entsprechend erzogen. Aufgrund positiver Kurzzeituntersuchungen dieses einen Falls entstand der Standard zur operativen Geschlechtszuweisung für intersexuelle Kleinkinder und für Jungen mit unfallbedingtem Penisverlust im Kleinkindalter.

Da nur ein einziger Fall die Grundlage von dessen Durchsetzung bildete und nicht eine ausreichende Zahl von Langzeitexperimenten, ist er über das Experimentierstadium nie hinausgewachsen. Selbst dieser eine Fall hat sich als Misserfolg herausgestellt. Im Jahr 1994 fand der Sexualwissenschaftler Prof. Dr. Milton Diamond (Universität Hawaii) heraus, dass der damals ohne seine eigene Einwilligung umoperierte Junge seit 1980 wieder in der männlichen Rolle lebte, und auf eigenes Drängen, soweit es medizinisch noch möglich war, wieder zum männlichen Geschlecht angeglichen worden war. 1997 wurde die Wahrheit über seinen Fall der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Im Jahre 2000 begingen erst der normal aufgewachsene Zwillingsbruder und dann der damals unter dem “John/Joan-Fall” berühmt gewordene Mann Selbstmord.

Dr. John Money hat in seiner “Zeitfenster-Theorie” die Geschlechtsidentität (welchem Geschlecht sich jemand zugehörig fühlt) mit dem Geschlechtsrollenverhalten verwechselt. Das Rollenverhalten, also ob sich jemand so verhält, wie es für einen Jungen oder ein Mädchen typisch ist, kann anerzogen werden, nicht aber die Geschlechtsidentität.

Nach dem „Standard“ von Dr. John Money muss die Herstellung eines geschlechtlich eindeutigen Aussehens innerhalb des “Zeitfensters” erledigt sein. Viele medizinische Texte stufen den Entscheidungsfindungsprozess der Eltern bzgl. deren Einwilligung zu geschlechtszuweisenden Operationen an ihren Kleinkindern als medizinischen Notfall ein. Money befürchtete, dass die Eltern traumatisiert sein könnten, wenn sie ihr Kind mit intersexuellem Genital sehen und es dann nicht annehmen würden. Oft werden den Eltern nach diesem Standard unvollständige Informationen über die genaue med. Beschaffenheit des Kindes vermittelt. So wurde empfohlen, den Eltern mitzuteilen, ihr Kind sei geschlechtlich unvollständig auf die Welt gekommen, und die Medizin könne es vervollständigen. Diese „Lehrmeinung“, die keine ist, hält sich hartnäckig bis zum heutigen Tage, obwohl es sehr wohl andere Lehrmeinungen gab. So vertrat bereits 1957 und 1961 Prof. Dr. Overzier, das die Entfernung der Gonaden z.B. bei AIS unnötig, ja sogar schädlich sei. Die Bundesregierung sieht keinen Handlungsbedarf.

Die Berichterstatterinnen bemängeln die Verstöße der Bundesrepublik Deutschland gegenüber der Verpflichtung zum Einschreiten gegen diskriminierende Gepflogenheiten Der Staat kommt seiner Verpflichtung nicht nach, mit allen geeigneten Mitteln unverzüglich eine Politik zur Beseitigung der Diskriminierung der Frau zu verfolgen (Art. 2 Uno-Frauenrechtskonvention). Zu diesen Mitteln gehören “gesetzgeberische und sonstige Maßnahmen”. Dazu gehören auch Maßnahmen zur Änderung oder Aufhebung von “Gepflogenheiten” (wie z. B. med. Standards) und “Praktiken” (Art. 2 f Uno-Frauenrechtskonvention). Die Bundesrepublik Deutschland wäre nach Ansicht der Berichterstatter verpflichtet, durchzusetzen, dass Dr. Money's med. Versuch durch einen besseren Standard ersetzt wird, der die Frauenrechte nicht mehr verletzt.

- page 2 of 3 -