Die Bundesregierung wurde durch zwei kleine Anfragen gebeten, sich zur Situation intersexueller Menschen in Deutschland zu äußern. Die Antworten der Bundesregierung auf diese Kleinen Anfragen sind in den Bundesdrucksachen 14/5425 und 16/4322 dokumentiert. Von den Berichterstatterinnen wird an den Antworten der Bundesregierung kritisiert, dass diese ausschließlich auf der Informationsbasis bestimmter ärztlicher Aussagen entstanden und von einem Personenkreis stammt, der mit der Behandlung Betroffener intersexueller Menschen betraut ist und an einer Fortführung der bisherigen Praxis interessiert ist. Intersexuelle Menschen und ihre Organisationen wurden hierzu nicht gehört. Auch verfügbare Erkenntnisse aus unabhängigen psychologischen Studien zur Situation intersexueller Menschen(2) - mit aus Sicht der Betroffenen katastrophalen Ergebnissen - wurden dort nicht einbezogen. Das Ausweichverhalten der Bundesregierung wird dokumentiert durch die Aussage: Wir wissen sonst nichts, deshalb ist auch kein weiteres Bemühen erforderlich. Dieses wird aufs Schärfste kritisiert.

Ebenfalls verschiedene von intersexuellen Menschen durchgeführte Studien zu der metabolischen, d.h. den Stoffwechsel betreffenden Situation von Personen, die im Zuge der gegengeschlechtlichen Zwangszuweisung mit paradoxen Hormonersatztherapien behandelt wurden, wurden nicht zur Kenntnis genommen.(3) So werden regelmäßig Mädchen und junge zwischengeschlechtliche Frauen vor Abschluss ihrer körperlichen Entwicklung kastriert und anschließend ausschließlich mit nicht altersgerechten kontrazeptiven(4) oder post- oder menopausalen(5) oder gar paradoxen(6) Hormonersatztherapien behandelt. Die ohne medizinisches Spezialwissen leicht erkennbaren fatalen Konsequenzen aus diesem medizinischen Handeln für die betroffenen Kinder, Mädchen und Frauen werden von der Bundesregierung weder eruiert noch finden sie in den Berichten der Bundesregierung Erwähnung.

(2) Gemeint ist hier z.B. die Forschergruppe Intersexualität unter der Leitung von Prof. Dr. Hertha Richter-Appelt am Zentrum für Psychosoziale Medizin, Institut für Sexualwissenschaften, Universitätsklinikum Hamburg (sowie auch die Hamburger Evaluationsstudie).
(3) Siehe z.B. die folgenden Studien: (1) Effects of Testosterone Treatment in a Female Assigned Subject with Swyer-Syndrome after 30 Years - A Self Report, Universitäts- Klink Lübeck Kreuzer/ Kreuzer et.al 2006; (2) Consequences of low level sex hormone substitution in young intersex females”, Clüsserath et.al. 2001; (3) Consequences of sex hormone substitutionIntersexualität zerrissen zwischen Wissenschaft und Realität, Universität Lüneburg, DGSS u. DGSS- Institut, Clüsserath et.al. 2004
(4) geringst dosierte synthetische Hormone zur Schwangerschaftsverhütung.
(5) gering dosierte Hormone zur Behandlung von Alterserscheinung der älteren Frau
(6) gegengeschlechtliche Hormongaben zur Unterdrückung der körpereigenen Wachstumspotentiale und damit zur Entwicklung der medizinisch erwünschten sekundären Geschlechtmerkmale des Zielgeschlechtes Körperbehaarung, Stimmveränderung , Muskelmasse etc). Allerdings gelingt dies, infolge der kerngeschlechtlichen Determination immer nur sehr unvollständig.