Die Berichterstatterinnen sind der Rechtsauffassung, dass nach Art. 16 lit. d sowie auch nach Art. 5 lit. b CEDAW das Recht zur Kindeserziehung zwar den Eltern zusteht. Dabei ist aber stets das Kindeswohl vorrangig zu berücksichtigen. Die vorübergehende Verunsicherung der Eltern über die körperlich-geschlechtliche Uneindeutigkeit ihres Kindes ist hinzunehmen, um das Recht ihres Kindes auf freie und informierte Einwilligung, welches auch dem Schutz seiner Identität (vgl. Art. 8 (1) CRC) dient, zu gewährleisten. Nach Ansicht der Berichterstatterinnen kann die Verunsicherung der Eltern nicht über das Leben und die Gesundheit des Kindes gestellt werden, zumal die geschlechtverändernden medizinischen Eingriffe irreversible und ungewisse Folgen haben.

Nach Artikel 2 lit. c CEDAW ist jeder Frau gesetzlicher Schutz zu gewährleisten. Dies gilt auch für Kinder, denn nach Art. 24 (1), ICCPR (Zivilpakt) hat jedes Kind einen Rechtsanspruch auf den Schutz durch Familie, Gesellschaft und Staat vor geschlechtlich bedingter Diskriminierung. Soweit es - wie bei der chirurgisch- medikamentösen Geschlechtszuweisung - um medizinisch aufschiebbare Entscheidungen geht, muss das diskriminierungsfreie Recht des intersexuellen Kindes auf freie und informierte Einwilligung auch vor den Eltern geschützt werden. In der Bundesrepublik Deutschland wird intersexuellen Kindern dieser Schutz versagt. Nach Ansicht der Berichterstatterinnen ist der Staat verpflichtet, Kinder vor allen Formen - auch vor nicht vorsätzlichen - von Gewalt und Schadenszufügung zu schützen (Art. 19 CRC). Auch bei diesem Menschenrecht darf es keine geschlechtliche Benachteiligung geben. Die Anwendung von Kastration, Genital-Plastiken und medikamentöser Veränderung der körpereigenen Entwicklungspotentiale während und nach der Phase der körperlichen Entwicklung bei intersexuellen Menschen sind wirksame Mittel der „geschlechtlichen Benachteiligung“ mit für die Betroffenen lebenslanger Wirkung. Das so genannte Bougieren(16) wird von den Betroffenen als sexueller Missbrauch empfunden und führt angesichts der über Jahre postoperativen Schmerzzustände regelmäßig zu schwerster Traumatisierung.

(16) Das gewaltsame Erweitern einer künstlich angelegten Scheide, mit im Durchmesser zunehmnden Stäben, zum Zwecke die Körperöffnung bis zum adulten Alter für die Penetration mit dem Penis des Mannes vorzubereiten.